Die Bedeutung der Therapiesprache im Alltag: Fluch oder Segen?

Neulich las ich einen Artikel beim SRF von Ana Matijasevic „Über mentale Gesundheit reden? Ja bitte – aber richtig“ (verlinkt am Ende des Beitrags). Er ist Grundlage für diesen Blogartikel.   

Mittlerweile setzen sich viele zunehmend mit psychischen Themen auseinander und auch unsere Sprache hat sich verändert. Begriffe wie „inneres Kind“, „toxisch“ oder „narzisstische Züge“ sind in unseren alltäglichen Wortschatz eingedrungen. Diese „Therapiesprache“, die ursprünglich für den Einsatz im klinischen Kontext entwickelt wurde, hat sich von den Therapiesesseln in unsere alltägliche Kommunikation und die sozialen Medien geschlichen. Doch was bedeutet diese Entwicklung für uns?

Die Allgegenwart der Therapiesprache

Podcasts wie „Tschüss Trigger, hallo Heilung!“ und „Befreie deine verletzte Seele“ sind nur einige Beispiele für das, was sich als Teil der neuen „Therapiekultur“ etabliert hat. Diese Medien werden entweder von Fachpersonen oder selbst ernannten Mental-Health-Influencern unterstützt und bieten eine Mischung aus Ratschlägen und emotionaler Hilfestellung. Auch in sozialen Netzwerken wie Instagram und TikTok sind Therapeutinnen und Mental-Health-Experten aktiv und erreichen insbesondere die jüngere Generation mit ihren Botschaften.

Die Poesie dieses Instagram-Dichters lautet oft: „Mehr Umarmungen, weniger Ratschläge“ oder „Liebes kleines Ich, du hast so viel auf dich genommen, was du nicht hättest tragen sollen“. Während diese Botschaften tröstlich sein können, wirft ihre allgegenwärtige Präsenz Fragen auf.

Der Einfluss der Therapiesprache auf unser Denken

Professor Frank Jacobi von der Psychologischen Hochschule Berlin betrachtet die zunehmende Präsenz der Therapiesprache ambivalent. Einerseits sieht er es als positiven Fortschritt an, dass mentale Gesundheit mehr Aufmerksamkeit erhält und Menschen sich besser mit psychologischen Konzepten auskennen. Dies ist ein Zeichen von Emanzipation und Autonomie, sagt Jacobi.

Auf der anderen Seite warnt Jacobi jedoch davor, dass eine Überdiagnose und Sensibilisierung problematisch sein kann. Studien zeigen, dass intensivere Aufklärung über psychische Krankheiten paradoxerweise dazu führen kann, dass Menschen ihre eigene mentale Gesundheit pessimistischer einschätzen. Diese Entwicklung, bei der Wissen über psychische Erkrankungen zu einer schlechteren Selbsteinschätzung führen kann, verdeutlicht die Notwendigkeit, Informationen mit Vorsicht zu genießen.

Der schmale Grat zwischen Sensibilisierung und Überdiagnose

Es ist wichtig, zwischen normalem Stress oder schwierigen Lebensphasen und tatsächlichen psychischen Störungen zu unterscheiden. Der Begriff „Trauma“ zum Beispiel, der früher nur für extreme Erlebnisse wie Kriege oder Naturkatastrophen verwendet wurde, wird heutzutage auch für alltägliche Rückschläge verwendet. Dies kann dazu führen, dass die Bedeutung von Begriffen verwässert wird und das tatsächliche Leid von Menschen, die ernsthaft betroffen sind, nicht mehr angemessen gewürdigt wird.

Jacobi warnt vor einer Übertreibung, bei der alltägliche Herausforderungen als psychische Erkrankungen eingestuft werden. Ein „Arschloch“ ist nicht automatisch ein pathologischer Narzisst, und nicht jede emotionale Unannehmlichkeit ist gleich „Angst“ oder „Depression“.

Ein bewusster Umgang mit Therapiesprache

Die Integration der Therapiesprache in unseren Alltag hat sowohl Vor- als auch Nachteile. Sie hat das Bewusstsein für mentale Gesundheit erhöht und eine offene Diskussion gefördert. Doch es ist entscheidend, dass wir diese Begriffe mit Bedacht verwenden und nicht in der Überdiagnose oder Sensibilisierung übertreiben. Der Schlüssel liegt darin, die Sprache bewusst einzusetzen, um echte Probleme angemessen zu benennen, ohne die Bedeutung der Begriffe zu verwässern. Nur so können wir eine gesunde und differenzierte Auseinandersetzung mit psychischer Gesundheit fördern.

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