Traumasensible Gesprächsführung: Einfühlsam bleiben, auch in schwierigen Momenten

Traumasensible Gesprächsführung ist ein Akt der Achtsamkeit und des Respekts gegenüber den Erfahrungen und Gefühlen anderer Menschen. Besonders in emotional belastenden Momenten kann es schwer sein, die richtige Balance zu finden. Doch genau dann, wenn es schwierig wird, ist ein einfühlsamer und sicherer Umgang entscheidend.

Dieser Artikel zeigt, wie wir schwierige Gespräche respektvoll führen können sowohl im Alltag als auch in professionellen Kontexten. Und wie wir gleichzeitig unsere eigene psychische Stabilität wahren.

1. Rückzug und Widerstand verstehen

Menschen, die belastende Erfahrungen gemacht haben, reagieren oft mit Rückzug, Widerstand oder defensivem Verhalten, wenn sie schwierige Themen besprechen sollen. Dies ist kein Zeichen von Ablehnung, sondern ein Schutzmechanismus, um sich vor zu viel Stress oder überwältigenden Erinnerungen zu schützen.

Beispiel: Anna merkt, dass ihre Freundin Elif jedes Mal schweigt oder den Blick abwendet, sobald das Gespräch auf schwierige Themen aus ihrer Kindheit kommt. Zuerst fühlt sie sich unsicher und denkt, dass sie nicht über ihre Vergangenheit sprechen will. Statt sie zu drängen, fragt Anna sanft: „Möchtest du mir erzählen, wie du das damals erlebt hast oder lieber später?“ Elif nickt vorsichtig und erzählt nach und nach in kleinen Schritten. Sie spürt, dass sie selbst entscheiden kann, wann und wie viel sie teilen möchte und sie fühlt sich dabei sicher und verstanden.

Strategien:

  • Geduld und Empathie: Akzeptiere Rückzug als natürliche Reaktion. Dränge nicht.
  • Kleine Schritte: Beginne mit weniger belastenden Themen oder lass die Person entscheiden, wann sie bereit ist.
  • Alternative Ausdrucksformen: Manchmal kann Schreiben, Zeichnen oder ein anderes kreatives Medium helfen, Gefühle zu teilen.

2. Umgang mit Flashbacks oder „Abschalten“

Menschen mit traumatischen Erfahrungen können plötzlich in Flashbacks oder dissoziative Zustände geraten. Dabei scheinen sie gedanklich „wegzutreten“ oder den Moment zu verlassen. Dies kann für Gesprächspartner verunsichernd sein.

Beispiel: Während eines Gesprächs starrt Julian ins Leere und reagiert kaum auf Fragen. Ein ruhiges, sicheres Vorgehen, wie das Angebot einer Pause oder beruhigende Worte („Du bist jetzt sicher, wir sind hier“) hilft ihm,  wieder in die Gegenwart zurückzukommen.

Strategien:

  • Sicheren Raum schaffen: Sorge dafür, dass die Person sich nicht gefangen fühlt.
  • Beruhigende Sprache: Neutral und sachlich bleiben, ohne die Situation zu dramatisieren.
  • Nonverbale Signale beachten: Achte auf Körpersprache und erkenne frühzeitig, wenn jemand überfordert ist.

3. Balance zwischen Empathie und Selbstfürsorge

Einfühlsam zu sein, kann emotional anstrengend sein besonders, wenn man regelmäßig schwierige Themen bespricht. Daher ist Selbstfürsorge entscheidend, um langfristig handlungsfähig zu bleiben.

Strategien:

  • Eigene Grenzen kennen: Auch Empathie hat ihre Grenzen. Achte auf deine eigene psychische Gesundheit.
  • Reflexion und Austausch: Sprich mit vertrauten Personen oder Kolleginnen über belastende Erlebnisse.
  • Pausen und Selbstfürsorge: Gönne dir regelmäßig Auszeiten, um wieder aufzutanken.

4. Sensibel mit Triggern umgehen

Trigger sind Reize – Wörter, Themen oder Situationen –, die intensive emotionale Reaktionen auslösen können, weil sie an belastende Erfahrungen erinnern. Sensibles Vorgehen ist entscheidend, um retraumatisierende Erlebnisse zu vermeiden.

Beispiel: Agnes reagiert stark auf Fragen zu Familie oder Fürsorge. Ein vorsichtiges Nachfragen („Wie fühlst du dich, wenn wir darüber sprechen?“) gibt ihr im Gespräch Kontrolle zurück und vermeidet Überforderung.

Strategien:

  • Pause anbieten: Wenn ein Trigger auftritt, biete sofort an, das Thema zu wechseln oder eine Pause zu machen.
  • Trigger antizipieren: Frage vorsichtig nach, welche Themen schwerfallen könnten.
  • Beteiligung ermöglichen: Beziehe die Person in Entscheidungen über den Gesprächsverlauf ein.

5. Die eigene Haltung zählt

Wie wir uns selbst zeigen, wirkt stark auf andere. Eine offene, respektvolle und wertschätzende Haltung schafft Vertrauen.

Strategien:

  • Offene Körperhaltung: Vermeide Barrieren, signalisiere Zuhören durch Blickkontakt und Nicken.
  • Gleichwertigkeit vermitteln: Zeige, dass die Person respektiert und ernst genommen wird. Kleine Gesten wie Geduld oder achtsames Zuhören sind oft sehr wirksam.

Traumasensible Gesprächsführung ist nicht nur für Fachkräfte relevant. Sie ist auch für alle Menschen, die im Familien-, Freundes- oder Arbeitskontext empathisch kommunizieren möchten.

Wichtige Prinzipien sind:

  • Sicherheit schaffen
  • Selbstbestimmung respektieren
  • Mit Empathie und Achtsamkeit agieren

Wenden wir diese Prinzipien an, können wir Vertrauen aufbauen, schwierige Gespräche erleichtern und gleichzeitig unsere eigene emotionale Stabilität schützen. Es gibt keine universelle Lösung, denn jede Person reagiert anders. Doch die Grundhaltung bleibt überall gleich: respektvoll, achtsam und empathisch.

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