Mit dem Leben gehen – wenn der Weg erst beim Gehen entsteht

Manchmal geht das Leben einfach weiter. Nicht, weil wir entschieden haben, dass es weitergehen soll. Nicht, weil wir einen guten Plan gemacht hätten. Einfach weil etwas geschehen ist, nach dem das Alte nicht mehr ganz das Alte ist.

Eine Tür schließt sich. Ein Mensch geht. Eine Beziehung verändert sich. Ein Beruf passt nicht mehr. Eine Rolle, in der wir uns lange sicher gefühlt haben, wird zu eng. Oder wir merken eines Tages, fast beiläufig: Ich kann hier nicht mehr zurück.

Vielleicht will ich auch gar nicht zurück. Und trotzdem weiß ich nicht, wohin. Das ist eine eigenartige Form des Unterwegsseins: Man hat die Vergangenheit nicht mehr als wirkliche Möglichkeit, aber die Zukunft noch nicht als wirklichen Ort. Dazwischen liegt ein Weg.

Und das ist damit gemeint, wenn wir in unserem neuen Buch Mit dem Leben gehen“ davon sprechen, wie wir uns und andere in Zeiten des Wandels halten können. Das Buch beschäftigt sich mit Veränderung, Krisen, Verlust, Selbstführung und der Frage, was uns Halt geben kann, wenn Vertrautes ins Wanken gerät.

Wenn Zurück keine Option mehr ist
Wir erzählen Veränderung gerne als Geschichte. Vorher war es so. Dann kam die Krise. Und danach begann etwas Neues. Das klingt ordentlich. Fast ein bisschen zu ordentlich. Denn so fühlt es sich meistens nicht an. Veränderung ist selten eine gerade Linie. Eher ein Gelände, auf dem wir manchmal stehen bleiben, zurückschauen, einen Schritt nach vorne machen und dann feststellen, dass der Weg dort gar nicht weitergeht. Und doch gibt es Momente, in denen wir wissen:

Ich kann nicht mehr zurück.

Nicht unbedingt, weil die Vergangenheit schlecht gewesen wäre. Manchmal war sie sogar gut. Aber wir sind nicht mehr dieselben Menschen, die dort gelebt haben. Das ist vielleicht eine der schmerzhaftesten und zugleich befreiendsten Erfahrungen des Lebens: Dass wir uns selbst nicht einfach wieder an einen früheren Ort zurückbringen können.

Wir können zurückblicken.
Wir können erinnern.
Wir können trauern.
Aber wir können nicht zurück in das Damals.
Und vielleicht müssen wir das auch nicht.

Nach vorne – aber wohin?
Nur: Was kommt dann?
„Nach vorne schauen“ klingt schnell nach einer jener Aufforderungen, die gut gemeint sind und trotzdem nicht helfen.
Nach vorne.
Aber wohin?
Was, wenn ich noch kein Ziel sehe?
Was, wenn ich keine Vision habe, die mich morgens aus dem Bett zieht?
Was, wenn ich gerade nicht weiß, wie mein Leben in einem Jahr aussehen soll und vielleicht nicht einmal, wie es in drei Monaten aussehen wird?

Wir leben in einer Zeit, in der Unsicherheit nicht mehr nur eine vorübergehende Unterbrechung zu sein scheint. Veränderung ist zum Dauerzustand geworden. Berufliche Rollen verändern sich. Organisationen verändern sich. Beziehungen verändern sich. Gesellschaften verändern sich. Technologische Entwicklungen verschieben Gewissheiten, noch bevor wir verstanden haben, was eigentlich passiert. Und mitten darin sollen wir Entscheidungen treffen.

Sollen gestalten.
Sollen resilient sein.
Sollen wissen, wohin wir wollen.

Vielleicht ist das eine Überforderung.
Vielleicht brauchen wir nicht immer eine Landkarte.
Vielleicht brauchen wir manchmal nur ein Geländer.

Was trägt, wenn ich nicht weiß, wohin?

Ein Geländer sagt nicht: Hier musst du hin.
Es sagt nur: Hier kannst du dich festhalten.

Wir mögen dieses Bild. Denn vielleicht brauchen wir in Zeiten des Wandels weniger fertige Antworten als verlässliche Anker. Menschen, mit denen wir ehrlich sein können. Eine Sprache für das, was gerade in uns geschieht. Die Fähigkeit, Abschied zu nehmen, ohne das Vergangene entwerten zu müssen. Den Mut, nicht alles sofort verstehen zu müssen. Und die Erfahrung: Ich muss diesen Weg nicht vollständig kennen, um den nächsten Schritt gehen zu können. Das ist ein anderer Begriff von Halt.

Halt bedeutet dann nicht, dass alles stehen bleibt. Im Gegenteil. Halt ermöglicht Bewegung.

So wie ein Geländer am Berg nicht dafür da ist, dass wir dort stehen bleiben. Es hilft uns, weiterzugehen. Vielleicht ist das die entscheidende Frage in Zeiten des Wandels: Weder: Wie bekomme ich mein altes Leben zurück? Und auch nicht unbedingt: Wo muss ich am Ende ankommen? Stattdessen: Was gibt mir genug Halt, um den nächsten Schritt zu gehen?

Mit dem Leben gehen
„Mit dem Leben gehen“ klingt zunächst fast selbstverständlich.
Natürlich gehen wir mit dem Leben.
Was sollten wir sonst tun?
Aber vielleicht steckt darin eine Zumutung.

Denn mit dem Leben zu gehen bedeutet auch, nicht darauf zu bestehen, dass das Leben so bleibt, wie wir es einmal geplant hatten.

Es heisst, anzuerkennen, dass wir nicht alles kontrollieren können.
Dass manches verloren geht.
Dass manche Türen sich schließen.
Dass wir manchmal länger im Dazwischen leben, als uns lieb ist.
Und dass Entwicklung nicht immer bedeutet, etwas Neues zu gewinnen.
Manchmal bedeutet sie zuerst, etwas loszulassen.

Unser neues Buch macht dabei auch auf die Bedeutung von Trauerprozessen aufmerksam. Trauer ist nicht nur eine Reaktion auf Tod. Wir können auch um Möglichkeiten trauern, um Lebensentwürfe, Beziehungen, Rollen, Sicherheiten und Versionen unseres eigenen Lebens. Vielleicht ist genau das wichtig:

Wir müssen nicht sofort aus jedem Verlust eine Chance machen.
Wir dürfen erst einmal anerkennen, dass etwas verloren gegangen ist.
Denn erst wenn wir nicht mehr gegen das Vergangene kämpfen, wird wieder Energie frei für das, was vor uns liegt.

Der nächste Schritt muss nicht groß sein

Vielleicht liegt darin eine stille Form von Zuversicht. Nicht die Zuversicht, dass alles gut werden wird. Das wäre manchmal zu viel verlangt. Vielmehr eine kleinere, realistischere Zuversicht:

Ich werde den nächsten Schritt finden.

Vielleicht sehe ich heute nur ein kleines Stück des Weges.
Vielleicht reicht das.
Vielleicht ist Orientierung nicht etwas, das wir besitzen, bevor wir losgehen.
Vielleicht entsteht Orientierung unterwegs.

Indem wir gehen.
Indem wir ausprobieren.
Indem wir merken: Das hier passt nicht mehr.
Indem wir entdecken: Das hier trägt.
Indem wir Menschen begegnen.
Indem wir uns selbst wieder zuhören.
Und manchmal auch, indem wir an einer Weggabelung stehen und einfach eine Weile dort bleiben.

Nicht jede Pause ist Stillstand.
Nicht jedes Nichtwissen ist Orientierungslosigkeit.
Und nicht jeder Umweg ist ein Fehler.

Vielleicht ist das Leben kein Weg, den wir kennen müssen

Wir haben uns scheinbar daran gewöhnt, Leben mit Planung zu verwechseln.
Wir möchten wissen, wo wir in fünf Jahren stehen.
Wir möchten Entscheidungen treffen, die sich später als richtig erweisen.
Wir möchten Sicherheit.
Aber vielleicht ist ein gutes Leben nicht eines, dessen Weg wir im Voraus kennen.
Vielleicht ist es eines, in dem wir lernen, uns auch dann zu bewegen, wenn wir ihn noch nicht kennen.

Mit offenen Augen.
Mit Menschen an unserer Seite.
Mit einer Hand am Geländer.
Und mit der Bereitschaft, immer wieder neu zu fragen:

Was ist jetzt dran?

Nicht für immer.
Nicht für die nächsten zehn Jahre.
Nur jetzt.
Der nächste Schritt.
Das nächste Gespräch.
Der nächste Abschied.
Die nächste Entscheidung.
Der nächste kleine Aufbruch.

Denn vielleicht bedeutet „mit dem Leben gehen“: Nicht dem Leben hinterherzulaufen. Nicht gegen das Leben anzukämpfen. Und auch nicht darauf zu warten, dass endlich wieder alles sicher ist. Sondern wahrzunehmen, dass das Leben uns längst weitergerufen hat.

Und loszugehen.
Auch wenn wir noch nicht genau wissen, wohin.

Unser neues Buch kann im Buchhandel und hier vorbestellt werden: Link zum Verlag

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