Was Angst, Depressionen und Zwangsstörungen gemeinsam haben

Neulich bin ich auf einen interessanten Artikel in DIE ZEIT gestoßen, der mich noch eine Weile beschäftigt hat. Stefanie Kara hat darin den amerikanischen Psychologen David Barlow zu Angststörungen, Depressionen und Zwangsstörungen interviewt. Besonders interessant fand ich den Gedanken, dass hinter so unterschiedlichen psychischen Erkrankungen bestimmte gemeinsame Mechanismen stecken können und dass es vielleicht weniger darum geht, unangenehme Gefühle möglichst schnell loszuwerden, als darum, zu lernen, anders mit ihnen umzugehen. In diesem Blogartikel möchte einige der Ideen aus dem Interview aufgreifen.

Wenn Gefühle schwer auszuhalten sind

Angst, Ärger, Trauer und Anspannung gehören zum menschlichen Leben. Sie haben wichtige Funktionen. Angst kann uns auf Gefahren aufmerksam machen, Ärger kann uns helfen, Grenzen zu setzen, und Trauer gehört zu Erfahrungen von Verlust. Schwierig kann es werden, wenn negative Gefühle besonders intensiv erlebt werden und gleichzeitig das Gefühl entsteht, sie nicht kontrollieren zu können. Barlow verbindet diese erhöhte Empfindlichkeit gegenüber negativen Gefühlen unter anderem mit dem Persönlichkeitsmerkmal Neurotizismus. Menschen mit einem hohen Neurotizismus erleben negative Emotionen im Durchschnitt häufiger und intensiver. Stress kann sie stärker beschäftigen, Unsicherheit kann schwerer auszuhalten sein.

Ein hoher Neurotizismus ist dabei keine psychische Erkrankung. Er kann jedoch ein Risikofaktor dafür sein, dass belastende Gefühle besonders intensiv erlebt werden. Für Barlow wird es vor allem dann problematisch, wenn Menschen beginnen, unangenehme Emotionen möglichst schnell wieder loswerden zu wollen. Man geht einer bestimmten Situation aus dem Weg. Man versucht, einen Gedanken nicht mehr zu denken. Man kontrolliert den eigenen Körper. Man sucht immer wieder nach Sicherheit. Oder man zieht sich zurück. Kurzfristig kann das tatsächlich Erleichterung bringen. Langfristig kann Vermeidung jedoch dazu beitragen, dass die Angst oder der belastende Gedanke immer wichtiger wird.

Der Kampf gegen einen Gedanken

Deutlich lässt sich dieser Mechanismus bei Zwangsgedanken beobachten. Fast jeder Mensch kennt Gedanken, die plötzlich auftauchen und überhaupt nicht zu dem passen, was er eigentlich denkt oder will. Ein Elternteil kann beispielsweise in einer völlig überfordernden Situation den Gedanken haben: „Ich könnte meinem Kind etwas antun.“ Ein solcher aufdringlicher Gedanke bedeutet zunächst nicht, dass die Person dies tun möchte oder beabsichtigt. Für die meisten Menschen bleibt es ein unangenehmer Gedanke, der wieder verschwindet.

Bei einem Menschen mit einer Zwangsstörung kann daraus jedoch etwas anderes entstehen. Der Gedanke wird bewertet und bekommt eine besondere Bedeutung: Warum denke ich so etwas? Was sagt das über mich aus? Was, wenn ich es tatsächlich tun könnte? Dann beginnt häufig der Versuch, den Gedanken unter Kontrolle zu bekommen. Er soll verschwinden. Man überprüft sich selbst, sucht nach Gewissheit oder vermeidet bestimmte Situationen. Aus einem Gedanken, der ursprünglich vielleicht nur für einen kurzen Moment da war, kann so etwas werden, das einen großen Teil des Tages bestimmt.

Angst vor den eigenen körperlichen Reaktionen

Ein ähnlicher Mechanismus kann bei Panikattacken auftreten. Das Herz rast. Die Hände zittern. Man bekommt schlecht Luft. Vielleicht wird einem schwindelig. Für jemanden, der solche körperlichen Reaktionen noch nicht kennt, kann das äußerst beängstigend sein. Wenn dann der Gedanke entsteht: „Mit mir stimmt etwas nicht“ oder „Ich könnte die Kontrolle verlieren“, steigt die Angst weiter an. Die körperlichen Symptome werden stärker und können dadurch scheinbar die ursprüngliche Befürchtung bestätigen.

In der Beratung oder Therapie kann es deshalb darum gehen, körperliche Reaktionen kennenzulernen und anders zu bewerten. Herzrasen fühlt sich unangenehm an. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass etwas Gefährliches passiert.

Was passiert, wenn man die Angst zulässt?

Hier kommt die Exposition ins Spiel. Der Begriff klingt zunächst sperrig. Gemeint ist im Grunde, dass sich ein Mensch einer Situation oder Empfindung aussetzt, die er bisher vermieden hat – geplant und in der Regel therapeutisch begleitet. Ein Mensch mit Flugangst steigt irgendwann in ein Flugzeug. Jemand mit sozialer Angst übt Situationen, in denen andere Menschen anwesend sind. Bei einer Panikstörung kann es darum gehen, körperliche Empfindungen wie Herzklopfen oder Schwindel auszuhalten.

Barlow hat solche Übungen selbst mit Patienten durchgeführt. Im Interview mit der ZEIT erzählt er beispielsweise von Flügen mit Menschen, die unter Flugangst litten. Das Ziel besteht dabei nicht darin, die Angst mit Gewalt möglichst schnell verschwinden zu lassen. Es geht darum, eine neue Erfahrung zu machen:

Ich kann Angst empfinden und trotzdem in dieser Situation bleiben.

Man kann erleben, dass eine unangenehme körperliche Reaktion zwar intensiv sein kann, aber vorübergeht. Und dass man eine befürchtete Situation aushalten kann, ohne fliehen oder sie vermeiden zu müssen. Mit der Zeit kann dadurch auch die Angst vor der Angst abnehmen.

Bei Depressionen sieht Vermeidung anders aus

Bei Depressionen ist der Zusammenhang weniger offensichtlich. Doch auch hier kann Vermeidung eine wichtige Rolle spielen. Nur sieht sie anders aus als bei einer Panikstörung. Wenn es einem Menschen schlecht geht, zieht er sich häufig zurück. Treffen werden abgesagt, Aktivitäten fallen weg, Bewegung wird weniger. Irgendwann besteht der Alltag vielleicht nur noch aus Arbeit, Haushalt und Rückzug. Auch hier kann kurzfristig eine gewisse Erleichterung entstehen. Wer niemanden sieht, muss sich schließlich auch nicht erklären, warum es ihm schlecht geht. Wer zu Hause bleibt, muss sich keiner Situation aussetzen, die gerade anstrengend erscheint. Gleichzeitig fehlen dadurch positive Erfahrungen, soziale Kontakte und Aktivitäten, die grundsätzlich mit angenehmen oder zumindest sinnvollen Erfahrungen verbunden sein können.

Ein Bestandteil verhaltenstherapeutischer Behandlung ist daher die sogenannte Verhaltensaktivierung. Betroffene planen wieder Aktivitäten und nehmen Schritt für Schritt am Leben teil. Manchmal auch dann, wenn ihnen gerade überhaupt nicht danach ist. Man wartet also nicht immer darauf, dass zuerst die Stimmung besser wird. Manchmal muss man wieder anfangen, etwas zu tun, bevor sich die Stimmung verändern kann.

Was das Unified Protocol anders macht

Barlow und seine Kollegen haben aus diesen Überlegungen das Unified Protocol entwickelt. Es handelt sich um einen sogenannten transdiagnostischen Therapieansatz. „Transdiagnostisch“ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass nicht ausschließlich die einzelne Diagnose im Mittelpunkt steht. Stattdessen richtet sich die Behandlung auch auf gemeinsame psychologische Prozesse, die bei verschiedenen emotionalen Störungen eine Rolle spielen können. Dazu gehören unter anderem der Umgang mit starken Gefühlen, die Bewertung von Emotionen, Vermeidungsverhalten und der Umgang mit körperlichen Reaktionen. Die Patienten lernen, ihre Emotionen genauer wahrzunehmen. Sie beschäftigen sich mit ihren Gedanken und Bewertungen und setzen sich anschließend zunehmend mit Situationen auseinander, die sie bisher vermieden haben.

Der Ansatz wurde in Studien mit anderen psychotherapeutischen Verfahren verglichen. Eine randomisierte klinische Studie mit 223 Patienten kam beispielsweise zu dem Ergebnis, dass das Unified Protocol bei verschiedenen Angststörungen ähnlich wirksam war wie störungsspezifische Verhaltenstherapien. Das macht den Ansatz auch für die therapeutische Praxis interessant. Ein gemeinsamer Behandlungsrahmen könnte es erleichtern, Menschen mit unterschiedlichen Diagnosen mit ähnlichen therapeutischen Prinzipien zu behandeln.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Angststörungen, Depressionen und Zwangsstörungen dasselbe sind. Die Erkrankungen unterscheiden sich weiterhin deutlich. Die Idee des Unified Protocol besteht eher darin, bestimmte gemeinsame psychologische Prozesse therapeutisch zu nutzen.

Es geht nicht darum, nie wieder Angst zu haben

Vielleicht ist das der Gedanke, der aus Barlows Ansatz am meisten hängen bleibt:

Wir werden unangenehme Gefühle nicht aus unserem Leben entfernen können.

Angst wird auftauchen. Wir werden traurig sein, uns ärgern, uns sorgen oder unsicher fühlen. Auch Gedanken, die wir lieber nicht hätten, können plötzlich da sein. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht unbedingt, wie wir diese Gefühle möglichst schnell wieder loswerden. Sondern: Was machen wir mit ihnen?

  • Müssen wir jedes Gefühl sofort verändern?
  • Müssen wir jeden Gedanken überprüfen?
  • Müssen wir Situationen vermeiden, nur weil sie unangenehm werden könnten?
  • Oder können wir lernen, einen Teil dieser Gefühle auszuhalten und trotzdem weiterzumachen?

Hier setzt Barlows Ansatz an. Es geht nicht darum, unangenehme Emotionen vollständig zu beseitigen. Es geht darum, anders mit ihnen umzugehen und den eigenen Handlungsspielraum zurückzugewinnen.

Für Menschen, die unter einer psychischen Erkrankung leiden, ist das allerdings kein einfacher Selbsthilfe-Tipp. Exposition, Verhaltensaktivierung und andere therapeutische Übungen sollten individuell angepasst und – insbesondere bei ausgeprägten Beschwerden – fachlich begleitet werden.

Vielleicht ist psychische Gesundheit deshalb auch weniger die Fähigkeit, unangenehme Gefühle nie wieder zu erleben. Vielleicht bedeutet sie, ihnen nicht jedes Mal die Kontrolle über das eigene Handeln zu überlassen.

Quelle

Kara, Stefanie: „Was gegen Angst hilft. Und gegen Depressionen. Und Zwangsstörungen“. Interview mit David Barlow, DIE ZEIT, 2026.

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